Ich glaube, ich bin der Stadt Arles gestern nicht so ganz gerecht geworden. Denn historisch ist sie eine der bedeutendsten von Frankreich. Im 6. Jahrhundert v. Chr. gegründet hat sie viel erlebt und besitzt noch einige historische, ja sogar antike Gebäude.
Wir haben in diesem unscheinbaren Haus in unmittelbarer Nachbarschaft zum Amphitheater übernachtet. Im Mittelalter war der Innenraum des Theaters sogar mit Häusern bebaut und beherbergte die ganze Stadt.

Es gäbe also viel zu erzählen und viel zu besichtigen. Ein Bick aus Stefan’s Fenster zeigt, wie prominent wir gewohnt haben.

Unser Host David ist einer der besonders freundlichen. Bei Ankunft gestern zeigte er uns die Wohnung, die er selbst in dem alten Haus eingerichtet hatte, technisch modern, aber doch den alten Stil erhaltend. Es freut mich deshalb sehr, dass wir ihm beim Packen der Motorräder nochmal treffen und uns verabschieden können.
Die Stadt macht uns das Verlassen schwer. Durch Einbahnstraßen, Umleitungen und einen Markt werden wir in den engen Gassen zu so manchem Umweg gezwungen, bis wir endlich, der Rhóne flussaufwärts folgend nach Norden fahren können.
Wir haben uns vorgenommen, in Avignon, am besten in Sichtweite der berühmten Brückenruine Pont D’Avignon, zu frühstücken. Aber auch diese sehr schöne Stadt wehrt sich gegen uns. An der weitgehend erhaltenen Stadtmauer angekommen, ist mein Versuch mit den Mopeds in den Stadtkern vorzudringen zum kläglichen Scheitern verurteilt. Stefan übernimmt die Führung und wir finden sogar einen semilegalen Abstellplatz für die Bikes.

Auf der erfolglosen Suche nach einem Café mit Brückenblick, können wir aber trotzdem ansatzweise die Schönheit der Stadt bewundern.

In einem ganz kleinen versteckten Bistro bekommen wir von einem sehr freundlichen Menschen ein sehr einfaches französisches Frühstück serviert: Kaffee, Croissant und Orangensaft. Wir sind es zufrieden!
Nach Verlassen des Speckgürtels von Avignon wird die Strecke wieder motorradmäßig interessanter. Wir fahren wieder öfter bergauf und -ab und links- und rechtsrum. Bei herrlichem Wetter und 22 ° eröffnen sich oft Ausblicke, die wir gar nicht alle fotografieren können und auch nicht wollen – schließlich sind zum Motorradfahren unterwegs.

Manchmal muss es aber auch sein. Wir kommen durch Gordes, Roussillon und biegen nach Süden ab. Hinter Bonieux kündet ein Schild am Straßenrand, dass die Provence beginnt. In Aix-En-Provence besuchen wir die Kathedrale, Teile der Altstadt und nehmen ein kleines Gefrohrenes zu uns.

Hier buchen wir auch um ca 15.00 Uhr die heutige Unterkunft. Sie liegt quasi direkt auf unserer Route, sodass wir keine Umwege fahren müssen.
Richtung Nordosten folgen wir nun ziemlich lange dem Verlauf des Canal de L’EDF, einem etwa 40 m breitem und insgesamt 250 km langen Betonkanal, der der Elektrizitätserzeugung in verschiedenen Wasserkraftwerken, der Bewässerung und sogar der Trinkwasserversorgung dient.
Kurz vor unserem Tagesziel kommen wir bemerkenswerterweise durch ein Dorf namens Allemagne-En-Provence. In Riez angekommen, finden wir nach kurzem Suchen die Unterkunft in einer engen Gasse. Die Schlüsselbox widersteht unseren Versuchen, sie mit dem uns mitgeteilten Zahlencode zu öffnen. Beim Versuch, den Host per Mail und Telefon zu erreichen, geht nur der Anrufbeantworter dran.

Nach einer viertel Stunde hebt Christophe dann doch ab. Und just in diesem Moment kommt eine aufgeregte Frau auf uns zu, die sich als unser Co-Host Sabrina vorstellt. Ich übergebe ihr mein Telefon und es folgt ein wortreiches Gespräch mit Christophe, der offenbar an der Cote d’Azur lebt.
In sehr gutem Englisch erklärt sie uns dann, das sei alles ein Missverständnis: die Wohnung sei neu eingerichtet und noch nie als B&B vermietet worden und überdies auch noch nicht ganz fertig. Die Vermietung soll erst ab Montag erfolgen und die Anzeige bei AirBNB sei zu früh freigeschaltet worden. Dann zeigt sie uns die Wohnung. Sie ist, anders als von außen vermutet, sehr schön. Es riecht noch etwas nach Gips und im Wohn-Essbereich steht noch viel Handwerkzeug rum. Man merkt ihr die Verzweiflung an, als sie uns gestehen muss, dass das Duschwasser noch nicht ganz warm wird. Da die Wohnung sonst sauber und schön ist und sogar über eine Motorrad-Garage (blaue Tür) verfügt, machen wir einen Deal, der sie erleichtert und uns eine günstige und ausreichende Unterkunft sichert. Für die Unzulänglichkeiten wird sie uns die Hälfte der Miete erstatten. Sie entschuldigt und bedankt sich nochmal vielmals und verabschiedet sich.
Am Abend beim Italiener wird uns zum ersten Mal bewusst, dass unsere Reise bald zu Ende geht. Noch ein Tag Cote d’Azur, dann Lago Maggiore, Liechtenstein und schon bald ruft wieder die Heimat.
Gesamtzeit: 08:27:40
