Wenn ich auf Reisen beim Aufwachen Möwen höre, freue ich mich schon vorm Augenöffnen, denn ich weiß, ich bin am Meer. Die Ohren haben also schon etwas zum Freuen. Aber die Augen kommen heute morgen auch nicht zu kurz:

Für den frühen Vormittag ist kurzer Regen angesagt, danach soll es trocken bleiben, zumindest da, wo wir dann sein werden. Also haben wir noch Zeit für ein Frühstück.

Da danach das Wetter nicht schlecht aussieht, wollen wir doch schon los und dem Regen davon fahren.

Also wird schnell gepackt und alles zu den Mopeds gebracht. Als Stefan mit seinen Sachen runter kommt, habe ich eine schlechte Nachricht: ich finde den Schlüssel von meinem Alarmschloß für die Bremsscheibe nicht. Nur dass das klar ist: damit ist mein Motorrad blockiert. Das Schloss zu knacken erfordert schweres Werkzeug oder den Schlüsseldienst; wahrscheinlich am heutigen 1. Mai aussichtslos. Während Stefan sein Motorrad beläd, gehe ich nochmal in die Wohnung um zu suchen: ergebnislos. Also nochmal am Moped alles Gepäck durchsuchen – es kann nicht schlimmer kommen. Doch es könnte regnen – und es kommt schlimmer: es regnet – in mein geöffnetes Gepäck hinein. Stefan will selbst noch einmal in der Wohnung suchen, und ich gebe bei meinem Gepäck nicht auf. Heiliger Antonius von Padua, hilf!
Wie aus dem Nichts kommt ein Fahrradfahrer auf mich zu gefahren und spricht mich auf spanisch an. Ich stehe im Regen und denke: nee, für Kontakt zu Einheimischen habe ich jetzt keine Zeit und sage höflich: no hablo español. Da holt er seinen Schlüsselbund heraus und zeigt auf zwei kleine schwarze Schlüssel, die ich sofort als meine identifizieren kann. (Ich Trottel hatte nämlich beide zusammen gelassen und nicht einen davon zu den anderen Ersatzschlüssel gehängt, die ich auf Reisen immer um den Hals trage.) Ich wäre dem Mann am liebsten um den Hals gefallen. Muchas gracias ist alles, was ich rausbringe. Er versteht ein ganz bisschen Deutsch, denn er ist gebürtiger Holländer, lebt aber schon lange in Fisterra. Er hat die Schlüssel gestern unter Stefan’s Motorrad gefunden und sich schon gedacht, dass ich sie heute vermissen würde. Ich hole Stefan telefonisch aus der Wohnung und wir können, nachdem wir uns nochmal bedankt haben, erleichtert losfahren.
Den gestern ausgelassenen westlichsten Punkt Spaniens erreichen wir nach 27 km bei herrlichen Wetter. Kurz nach dem Absteigen hat diesmal Stefan für mich die schlechte Nachricht: er hat seinen Nierengurt nicht an und in den Koffern ist er auch nicht. Wir müssen also nochmal zurück nach Fisterra. Aber vorher wird erst die schöne Landschaft bewundert.

Danach schlägt Stefan mir vor, schon mal nach Santiago voraus zufahren, aber das kommt natürlich überhaupt nicht in Frage. 27 km sind nicht die Welt und wir sind ja schließlich zum Motorradfahren hier. Allerdings erwischt uns der Regen auf halben Weg schon wieder. Also anhalten, Regenklamotten erneut anziehen und weiter. Heiliger Antonius hilf uns in Fisterra heute ein zweites Mal! Und wirklich: als Stefan in die Wohnung kommt, weiß die Reinigungsfachkraft sofort was er sucht und gibt ihm, was er begehrt.
Mittlerweile ist es schon fast 12 Uhr und ich schlage vor in einem der Hafenlokale zu Mittag zu essen. Dann reicht heute Abend eine Kleinigkeit und wir haben mehr Zeit für Santiago.

Seafood vom feinsten, und gar nicht teuer. Das hätten wir nie gehabt, wenn Stefan beim Suchen meines Schlüssels seinen Nierengurt nicht vergessen hätte. Es hat eben alles im Leben seinen Sinn.

Um in Santiago de Compostela genug Zeit zu haben, wählen wir für die 80 km im Navi wieder die schnellste Strecke ohne Maut.
Um 15.10 Uhr sind wir da. Einen Parkplatz finden wir 150 m von der Unterkunft entfernt. Erstmals auf dieser Reise haben wir nur ein Doppelzimmer bekommen, dafür nur 5 Gehminuten zur Kathedrale.

Sachen rein bringen, Motorräder sichern und zudecken, umziehen und Internet-Verbindungen herstellen, dann können wir sehen, was die Stadt zu bieten hat.

Wir erkunden in aller Ruhe die Umgebung und bekommen heraus, dass um 19.30 Uhr Pilgermesse ist und man sich am besten eine halbe Stunde vorher für den Einlass anstellt. So machen wir das auch. In der Kathedrale bekommen wir die letzten beiden Plätze auf einem Säulensockel direkt unter einem Weihwasser-Becken.

Eine Viertel Stunde vor Beginn studiert eine junge Ordensschwester mit der knallvollen Kirche verschiedene Zwischengesänge ein.
Der Gottesdienst ist natürlich auf Spanisch, aber das schöne an uns Katholiken ist ja, dass man überall auf der Welt der Messe gut folgen kann, ganz gleich in welcher Sprache sie stattfindet.
Nachdem Gottesdienst machen wir noch einen Rundgang durch die Kirche und merken spät, dass es eine Schlange für den Zugang zum Grab des Apostels Jakobus gibt. Egal, soviel Zeit ist auch noch. Ca. 25 Minuten Zeit um sich langsam in der Schlange durch die Kirche zu bewegen und die Leute zu beobachten. Etwas Schmunzeln muss ich, als ich mir das Schuhwerk der Pilger betrachte: die meisten (mindestens die Hälfte) tragen Adiletten und Socken. Wahrscheinlich sind die Füße nach der langen Wanderung die Wanderschuhe leid und die Sandalen die einzige Alternative.

Schließlich geht es einzeln eine sehr schmale Treppe hinunter zum Reliquien-Schrein unter dem Altar, dann wieder hoch in den Chor. Gleich anschließend und abgeschirmt durch ein Absperrband gelangt man zu einer ebenso schmalen Treppe, die hinter dem Altar nach oben hinter die zentrale Jakobus-Figur des Hochaltares führt. Es ist dann erlaubt der Figur kurz die Hand auf die Schulter zu legen oder sogar den Heiligen von hinten zu umarmen.
Wir bemerken, dass wir so ziemlich die letzten sind, denen das erlaubt wird, denn die Ordnungskräfte versuchen freundlich die Kirche zu räumen.
Ein schöner Tag geht zu Ende, der ganz im Zeichen der Heiligen Jakobus und Antonius stand. Morgen wollen wir früh los und etwas mehr Kilometer als heute machen.
Gesamtzeit: 04:41:45
