Ab heute bin ich wieder auf der Straße! Der Tag Ruhe hat mir wirklich gut getan und ich bin fast wieder der Alte. Nach einem guten Frühstück soll es losgehen. Heute Nacht hat es ordentlich geregnet. Beim Abnehmen der Regenschutzplane musste ich leider feststellen, dass die nicht dicht war.
Leider an den entscheidenden Stellen muss wohl Wasser eingedrungen sein, bis in den Gepäckträger-Rucksack. Sitzfell nass, Handschuhe nass und Ersatzhandschuhe teilweise nass. Die nehme ich – mit Griffheizung wird es schon gehen,
Um 9.00 Uhr starten wir Richtung Westen. Im Hafen von Kirkwall liegt schon wieder ein neues Kreuzfahrtschiff, bestimmt das vierte seit Vorgestern, diesmal eines von MSC mit mindestens 7 Balkondecks. Wir fahren in ziemlich gerade Linie nach Stromness um uns nach Scrabster bei Thurso einzuschiffen. Die Wolkendecke ist geschlossen, aber es bleibt trocken bis wir um 9.40 Uhr am Checkin-Schalter vorfahren. Wir haben noch kaum die Motoren abgestellt, hält die nette junge Frau auch schon unsere Bordkarten aus dem Fenster. Sie erklärt uns, wir seien die einzigsten Motorradfahrer, sodass sie uns gleich mit Namen ansprechen konnte. Wir erhalten eine Extra-Wartereihe neben denen der PKWs. Nun ist noch Zeit für die Suche nach einem Gift-Shop. Ich hätte doch zu gerne einen Aufnäher von den Orkneys. Kein Problem, gleich gegenüber dem Hafengebäude werde ich fündig. Ich entscheide mich für eine kleinformatige Flagge der Orkneys. Sie sieht fast so aus wie die norwegische (gehörte früher zu Norwegen), ist aber an den weißen Stellen golden. Beim Verstauen im Koffer spricht mich ein Mann in meinem Alter in kaum gebrochenen Deutsch an: „Ein weiter Weg vom Main-Taunus-Kreis bis hierher.“ Das hat mich dann doch verblüfft. Schnell sind wir im Gespräch und der Schotte erzählt mir, dass er in Gießen studiert hat, eigentlich in Schottland wohnt, und mit dem Boot hier ist. Wir verabschieden uns und ich will gerade abschließen, spricht mich der Fahrer des Wagens nebenan an, ob mir unser Aufenthalt auf den Orkneys gefallen habe. So erlebt man die Menschen hier: freundlich und interessiert.

Beim Verladen sind wir diesmal die ersten. Das Schiff ist geradeaus an den Anleger gefahren und keiner muss drehen, weil es auch hinten eine Ladeklappe hat. Stefan mag noch einen Kaffee und dann suchen wir uns einen der bequemen Sessel auf dem Passagierdeck aus. Schließlich legen wir um 11.00 Uhr ab und sagen den Orkneys Tschüss.

Die Fahrt dauert ziemlich genau anderthalb Stunden, es war eine sehr bequeme und entspannte Fahrt

Da wir heute Zeit haben, und um dem angekündigten Regen zu entgehen, fahren wir vom nahegelegenen Thurso nochmal östlich zum Dunnet Head, dem nördlichsten Punkt vom schottischen „Festland“. Auch hier treffen wir wieder Deutsche, darunter auch ein Pärchen aus Mainz.

Dann wieder nach Thurso und weiter westlich auf einer zunächst noch gut ausgebauten Straße. Kleinere Ortschaften wechseln sich mit der typisch schottischen Landschaft ab. Aber die Ortschaften werden weniger und die Straße schmäler. Und plötzlich fühlen wir uns wie in der Wildnis. Nur das arg geschundene Asphaltband unter unseren Motorrädern und ab und zu ein verrosteter Weidezaun zeugen von Zivilisation. Die Straße passt sich dem Gelände an und nicht das Gelände der Straße. Ab und zu kommt für einen kurzen Moment die Sonne heraus – von Regen keine Spur.

Die Heide blüht und wir müssen einfach anhalten, um das aufzunehmen. Meine Erkältung ist vergessen. Da soll nochmal jemand etwas gegen die heilende Wirkung des Motorradfahrens sagen. Spaß beiseite, mir geht es wirklich wieder gut. Bei Bettyhill biegen wir nach Süden und folgen immer noch auf einer single-track-road dem Fluß Naver stromauf bis zu Loch Naver. Danach, am River Vagaslie gelang mir dieses Foto, als die Sonne kurz die Farbe der Erika hervorhebt.

So erleben wir Schottland an jedem Tag. Nur wenige Meter weiter halten wir erneut und Stefan gelingt dieser Schnappschuß:

Das Erleben der Natur auf diese Weise ist fantastisch und mir geht sofort das Lied „Mein Gott wie schön ist deine Welt“ durch den Kopf. Weiter gehts bei weiter aufklarendem Wetter auf der menschenleeren Straße. In einer Stunde sind uns ca. 10 Autos begegnet und ca. 10 haben wir überholt, will heißen, sie sind an die Seite gefahren und haben uns überholen lassen. Am Loch Shin erreichen wir Lairg und etwa 8 Meilen östlich davon den kleinen Ort Rosehall. Unsere Gastgeberin Jacky spricht Deutsch (deutsche Mutter) und unsere Unterkunft ist ein gemütliches Zimmer mit allem, was wir brauchen. Darüber hinaus fährt sie uns zu einem nahegelegenen Hotel, wo sie arbeitet und bringt uns nach dem Abendessen auch wieder zurück. Ein toller Tag geht nach 204 km, von denen nur die letzten 4 etwas Regen hatten, zu Ende. Morgen gibt es eine Rundtour und die zweite Übernachtung hier.
Gesamtzeit: 08:19:06
Der Track zählt wohl die Fährfahrt mit.
