Heute steht Liechtenstein auf dem Programm. Auch hier bin ich bisher immer drumrum gefahren, war aber nie da. Der Tag beginnt herrlich mit viel Sonnenschein und 16 °C. Kurz hinter Obermaiselstein biege ich links ab nach Balderschwang. Und wie gestern geht’s schon gleich gut los.
Schon nach ein paar hundert Metern steigt die Straße an und schlängelt sich durch Höfe und Wiesen und kleine Waldstücke. Nicht weit von der Straße sehe ich zwei Kühe, schöne braune, zwischen den Bäumen. Die eine liegt im Gras und ist mit dem Wiederkäuen ihres Frühstücks beschäftigt. Die andere schaut mich über die Schulter an und wedelt gemächlich mit dem Schwanz. Ob sie mich damit grüßen will, oder nur ein paar lästige Fliegen verscheuchen will, bleibt unklar. Die Straße ist frei von Verkehr, windet sich unablässig hin und her und hört erst bei 1400 Metern auf zu steigen.

Bergab in Richtung Balderschwang geht es in gleicher Manier.

Balderschwang scheint ein ziemlich wohlhabender Skiort zu sein. Es gibt mehrere aufwendig gebaute Hotels und an vielen Häusern findet man üppigen Blumenschmuck. Kurz hinter dem Ort ist die österreichische Grenze und ich bin in Vorarlberg, dem zweitkleinsten und westlichsten Bundesland Österreichs. Schon in den ersten Orten, durch die ich fahre, fällt mir etwas typisches auf: Fast alle Häuser sind mit Holz verkleidet, einige mit senkrechten Latten, die meisten aber mit Schindeln. Diese etwa handgroßen Holztäfelchen gibt es rechteckig, quadratisch oder unten rund, sodass sie aussehen wie kleine hölzerne Dachziegel. An manchen Häusern sind sie noch neu und einheitlich hellbraun, an anderen haben Regen und Sonne sie gebleicht oder verfärbt, je nach dem, ob Fensterläden oder Dachüberstände sie davor geschützt haben.
Dann wieder wie gestern: Gerade war ich froh, von der Landesstraße 200 runter zu kommen, um einen kleinen Seitenpass über Schnepfegg zu nehmen, muss ich lesen, das die Straße ab 17.09.18 geschlossen ist. Hätten die hier in der Gegend nicht einfach noch eine Woche warten können? Die Duplizität der Ereignisse zwingt mich also erneut umzukehren. Nur das ich diesmal nicht mit einer schönen Alternativ-Strecke entschädigt werde, sondern ein paar langweilige Kilometer auf der 200 fahren muss. Danach aber biege ich in ein Seitental ab und es wird wieder alpin. Die Straße führt auf halber Höhe durch ein enges Tal, fast ohne Serpentinen, aber doch kurvig nach oben. Steile, teilweise bewaldete Felsen säumen den Weg und der Gebirgsbach am Grund des Tals lässt sich nur erahnen. Schließlich weitet sich die Schlucht und die Passhöhe ist erreicht.

Die großen Landesstraßen vermeidend, komme ich in Feldkirch, der wohl westlichsten Stadt Österreichs an. Über dem Grenzkontrollgebäude lese ich: “Schweizerisches Zollamt im Fürstentum Liechtenstein“. Liechtenstein hat nämlich einen Zollvertrag mit der Schweiz, verwendet den Schweizer Franken als Zahlungsmittel und ist auch sonst wirtschaftlich stark an die Schweiz gebunden. Kaum im Fürstentum drin, bin ich auch schon in der Hauptstadt Vaduz. Das fürstliche Schloss liegt oberhalb der Stadt auf einem Felsen und sieht ziemlich wehrhaft aus.

Auf einem Parkplatz mache ich eine kleine Pause und werde direkt von ein paar Touristen aus Shanghai a gesprochen. Der Mann und sein Schwiegervater interessieren sich für die GS und meine Tour und machen ein Selvi mit dem Motorrad und mir. Beim Verabschieden kann der Mann kein Auge vom Moped lassen und rempelt rückwärts einen anderen Touristen aus Schottland an. Auch der ist sehr nett und interessiert, und so habe ich noch ein paar weitere Minuten Pause.
Dann fahre ich ein paar Kilometer nach Norden und biege nach links ab über den Rhein und bin in der Schweiz, Kanton Sankt Gallen. Ich folge dem Flüßchen Thur nach Westen und biege dann nach Nordosten ins Säntis-Gebiet ab. Der Säntis (2502 m) ist der höchste Berg in den Appenzeller Alpen und vom Bodensee aus zu sehen. Die Passstraße ist wieder wunderschön, landschaftlich und motorradfahrerisch.

Nach der Abfahrt geht’s ins Appenzeller Land. Zunächst noch auf größeren Straßen unterwegs, findet man in den Ortschaften und Städten viel mittelständisches Gewerbe. Dann aber suche ich wieder die kleinen Nebenstraßen und komme in eine malerische Hochtal-Landschaft. Ein Schild warnt vor Almabtrieb. Und schon wenig später muss ich anhalten, weil ca. 30 Kühe auf der Pass-Straße den Berg runter kommen. Begleitet werden sie von drei, vier Leuten zu Fuß. Zwei Kilometer weiter wieder das gleiche, nur das diesmal eine ganze Schar Erwachsener und Kinder dabei sind. Und alle haben ihre beste Sonntags-Tracht an und das Vieh ist auch geschmückt. Im weiteren Verlauf der Straße finde ich kilometerweit die verschiedenen Hinterlassenschaften – die sind also richtig weit gelaufen.
Weiter oben fahre ich dann auf Straßen, die kaum so breit wie ein Traktor, und nicht asphaltiert sondern betoniert sind. In einem kleinen Dorf sehe ich am Straßenrand ein Hinweis-Schild für einen Verkaufs-Automat für Käse – kaum zu glauben. Die Straße schmiegt sich jetzt sehr an die Landschaft. Die Wiesen und Wege sind hügelig. Kaum hat man 30 Meter Höhe gewonnen, geht es in einer steilen Kurve schon wieder 20 Meter nach unten, und das in einem fort. Wieder mal biege ich um eine Ecke und erschrecke 10 bis 15 Lamas, die ziemlich frisch geschoren auf einer Alm weiden. Die Luft hat einen eigentümlichen Geruch, wie wenn auf gemähtes und leicht angetrocknetes Gras etwas Regen gefallen ist. Und das ganze ist umrahmt von einem tollen Panorama. Nur die dunklen Wolken im Osten machen mir Sorgen. Dann geht’s wieder bergab und plötzlich sehe ich ihn am nördlichen Horizont:

Aber bis dahin will ich heute nicht. Hinter Au passiere ich erneut den Rhein, diesmal kurz bevor er in den Bodensee mündet, und bin wieder in Österreich. Die letzten 30 km komme ich den dunklen Wolken immer näher und schließlich fängt es auch an zu regnen. Aber das macht jetzt nichts mehr – es war ein toller Tag, der dem gestrigen in nichts nachsteht.

Auf dem Heimweg vom Abendessen gibst noch ein schönes Alpenglühen.
Gesamtzeit: 07:52:40
