Tag 1 – von Hattersheim nach Brügge

Fünf Uhr Elf – endlich geht es wieder los. Gestern hatte ich das Motorrad gepackt und es nochmal geputzt. Warum eigentlich? Nach den ersten 100 km wird es wieder genau so aussehen: insektengesprenkelt! Aber irgendwie widerstrebt es mir, mit einem ungeputzten Moped eine solche Tour zu starten.

5.11 Uhr, Tachostand: 5766 km

Stahlblauer Himmel, 18 °C und alles ist bereit. Es soll ein schöner aber warmer Tag werden; also nur ein langärmeliges T-Shirt unter die Airflow-Jacke und die Sommerhandschuhe. Ich lass es langsam angehen und rolle untertourig aus dem Ort – man will ja um diese Zeit keine Nachbarn wecken. Die Sonne scheint noch sehr schräg, aber ich habe sie, Gott sei Dank, im Rücken. Am Horizont lockt der Feldberg, aber ich habe heute anderes vor, und das wird nicht weniger schön. Allerdings wird es auch bei gemächlichen 60 km/h im Lorsbachtal frisch an den Händen. Andere Handschuhe oder Griffheizung? Griffheizung muss reichen! Wenn ich erstmal aus dem Morgenschatten der Hügel heraus bin, wird es schon warm werden. Hinter Niedernhausen liegt Niederseelbach  im morgendlichen Sonnenlicht. Und der Asphalt unter mir erscheint leicht golden. Der Mond steht, noch fast voll, zwei Handbreit über dem Horizont. Ein Blick auf die Temperaturanzeige bestätigt, was  mein Oberkörper unter der Sommerjacke längst bemerkt hat: 11 °C – das ist einfach zu kalt. Bei Strinz Margarethä wird bei 8 °C angehalten, die Jacke getauscht und die Handschuhe gleich mit. Wunderbar – warum nicht gleich so?

Die Landschaft des Westtaunus gleitet vorbei und kurz vor mir versucht ein großer Greif eine junge Krähe im Flug zu schlagen. Beide müssen mir ausweichen, aber die Krähe macht das geschickter oder hat mehr Glück und entkommt – nicht nur mir. Vielleicht habe ich ihr das Leben gerettet!?! Dafür erwischt es kurz darauf beinahe eine Taube die mitten auf der Straße geschlafen hat und gerade noch rechtzeitig auffliegt. Schnell bin ich in Koblenz und quere Rhein und Mosel. Weiter geht’s durch die Eifel und ich halte kurz

am Nürburgring

Heute muss irgendwas los sein, denn überall kempen Leute und an den einschlägigen Naturtribünen wird Eintritt bzw. Parkgebühren verlangt. Immer weiter geht’s nach Westen und der Mond nähert sich, ob der aufsteigenden Sonne, verblassend dem Horizont.

Um 9.00 Uhr überfahre ich die Grenze nach Belgien. Auf den ersten zwanzig Kilometer ändert sich außer den Straßenmarkierungen und den Schildern nichts; alle Beschriftungen und Werbungen sind auf deutsch. Aber dann ändert sich das schlagartig beim Übergang der Westeifel in die Ardennen. Für Mopedfahrer sind beide Gebirge ein Traum – hier muss man mal gewesen sein! Und mitten drin:

die Rennstrecke Belgiens

Und auch hier ist mächtig was los. Man kommt gar nicht richtig ran, aber man hört die Motorradmotoren durch den Wald hallen. Eine tolle Landschaft – man kann verstehen, warum das eine der Lieblingsstrecken vieler Rennfahrer ist. Spa ist gar nicht so groß, und Francorchamps erst recht nicht.

Hinter Liege (Lüttich) wird’s dann sehr viel flacher und es geht mehr geradeaus, vorbei an gelben Weizenfeldern und noch teilweise grünem Roggen. Erst bei Waterloo wird es wieder hügeliger.

Gedenkstätte bei Watterloo

Ein Halt an der Gedenkstätte kann ich mir nicht verkneifen, obwohl ich erst vor drei Wochen mit meinen Klassenkameraden hier war. Es ist 14.00 Uhr und Zeit, nach eine Unterkunft auf Airbnb Ausschau zu halten. Ich finde ein schönes Zimmer bei Ronny und Magda mitten in Brügge. 130 km Strecke, mein Navi ist auf Autobahn-Vermeidung eingestellt um 5.00 Uhr müsste ich da sein.

Schon nach wenigen Kilometern wird klar, es wird noch flacher und noch „geradeauser“! Und was das unangenehmste ist: es gibt ein Dorf am anderen. Meistens sind fast alle Häuser direkt an der Landstraße gebaut. Die Geschwindigkeitsbegrenzung ist entweder 50 oder 70. In Belgien gilt sonst auf Landstraßen wenigstens 90, aber das ist schon hart. Nur wenn man mal durch eine Stadt kommt, kann man wenigstens schöne Kirchen und andere Gebäude sehen. Die Wohnhäuser erinnern etwas an das Münsterland mit ihren verklinkerten Fassaden. Ältere Gebäude sind aus Back- oder Naturstein mit farblich abgesetzten Mauer und Fensterkonturen.

Aber schließlich ist es geschafft: Brügge ist erreicht. Schon beim Hineinfahren nimmt diese Stadt einen für sich ein. Alles ist hübsch zurecht gemacht und sehr sauber. Ich fahre aber zuerst zu meiner Unterkunft, wie gesagt ganz nahe an der Altstadt. Die Gastgeberin spricht Englisch, das Zimmer ist schön und das Bad modern und alles läuft reibungslos. Wäsche waschen, duschen (hätte ich mir auch sparen können – bei 32 °C war ich zwei Minuten später schon wieder im Wasser) und dann in die Altstadt.

Altstadt Brügge

Liebe Freunde hatten mir ein Restaurant empfohlen – also nichts wie hin; ich hatte den ganzen Tag noch nichts nennenswertes zu mir genommen. Und es war klasse ( vielen Dank, ihr beiden!) Übrigens, gerade wollte ich mich vor dem Lokal an einen Tisch setzen, tat dies ein anderer Tourist mit mir. Wir bestellten das gleiche Bier, und so kamen wir ins Gespräch. Ed aus Michigan (Großmutter aus Köln) hat geschäftlich in Europa zu tun und ist drei, vier Tage hier. Wir quatschen über Deutschland, Belgien, die USA, Motorräder, Reisen und Gott und die Welt und genießen es beide, nicht alleine essen zu müssen.

Aber mir bleibt nicht viel Zeit, denn ich muss morgen weiter und ein bischen was von Brügge will ich schon sehen. Also verabschiede ich mich und mache noch einen schönen Spaziergang durch die Straßen und Gassen.

Es gibt noch viel mehr zu sehen – einfach eine tolle Stadt.

In der Unterkunft noch den Block schreiben und gespannt sein, was morgen kommt.

Gesamtstrecke: 275.18 km
Gesamtzeit: 11:49:57
Download file: 01Bruegge.gpx

2 Antworten auf „Tag 1 – von Hattersheim nach Brügge“

  1. Hallo Markus,
    verfolgen Deine Tour.. etwas Wehmut hatten wir bei Deinem Brügge-Bericht..eine wunderschöne interessante Stadt, waren schon 2x da. Freut uns sehr, dass es Dir gut geschmeckt hat.
    Weiterhin gute Fahrt und ganz liebe Grüße

    Claudi & Uwe

  2. So locker und nett beschrieben, da liest man gern weiter.
    Wirklich interessant.
    Weiterhin gute Fahrt mit dem Motorrad und so spannende Reiseberichte.

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