Morgens um halb sieben werde ich wach und habe prima geschlafen; und das obwohl das Fenster auf war und wir in der Innenstadt sind. Ich bleibe noch ein bisschen liegen und schaue mir das deutsche Frühstücks-Fernsehen an. Nicht zu fassen, was da mit dem Bundes-Innenminister abgeht. Wie immer, sind dann die Sachen schnell zusammen gepackt und ich verabschiede mich von Ronny und Magda.
Eigentlich ist die Route von hier aus direkt zum nördlichsten Grenzübergang geplant, aber ich möchte endlich das Meer sehen, wenn es auch nur der Ärmelkanal ist. Also auf nach Ostende.
Aus Brügge heraus führt mich das Navi auf relativ kurvigen Nebenstraßen nach Südwesten und wieder durch reifen Weizen und grünen Roggen. Gelegentlich ist auch ein Mais- oder Rapsfeld dazwischen, der Raps ist allerdings noch kaum gelb. Und ganz unverhofft komme ich hier vorbei:

Kurz darauf bin ich auch schon in Ostende. An den Hafen für die großen Pötte kommt man nicht ran, das kenne ich von Genua, Neapel und anderen Hafenstädten. Aber dass Ostende auch schöne touristische Höhepunkte hat, erstaunt mich dann doch.

Dann geht’s an einem Kanal entlang durch das malerische, kleine Städtchen Middelkerke. Danach wird die Umgebung sehr industriell. Ich versuche möglichst nah am Meer zu fahren, aber das bleibt weitgehend unsichtbar: entweder der Blick wird durch Industrieanlagen oder durch Dünen oder, in den Ortschaften und Städten, durch bis zu 12-stöckigen Hochhäuser, die Wand an Wand gebaut sind, versperrt.
Um 11.30 Uhr überquere ich die Grenze nach Frankreich. Ich hatte mir ja einige markante Punkte vorgenommen, die ich besuchen wollte. Einer davon ist der nördlichste Punkt von Kontinental-Frankreich. Gleich hinter der Grenze geht’s rechts rein und dann – kommt eine Schranke zu einem Camping-Platz. Der Schrankenwärter schaut mich fragend an. Also entschuldige ich mich erstmal auf französisch, dass ich kein Französisch spreche. Sofort erwidert mir der Mann sehr freundlich, er könne etwas Englisch. Ich frage, ob ich für eine viertel Stunde mal einfahren kann. Aber er erklärt mir, das Motorräder auf dem ganzen Gelände verboten sind. Er kennt den Punkt, der sogar mit einem Grenzstein markiert ist, aber das wären zwei Kilometer zu Fuß. Und das ist mir mit den Motorrad-Klamotten bei 30°C zu unkomfortabel. Also muss “so nahe, wie möglich dran“ genügen:

Weiter geht’s nach

Dort gibt es eine durchaus ansehliche Hafen-Promenade und interessante Architektur zu bewundern. An Kriegs-Andenken habe ich aber nur dieses

mit einem alten Flak-Geschütz davor gefunden.
Die Fahrt nach Dover zieht sich – wahrscheinlich deshalb, weil es mit Industrie, Ebene, kein Meerblick und geradeaus weitergeht.

Wenigstens gibt’s dort wieder einen schönen Meerblick.
Am Himmel hängen sieben Sonnen, und so halte mich auch nicht weiter auf, um rasch wieder den Fahrtwind zu haben. Da ich sowieso das Meer nicht sehen kann, entferne ich mich hinter Dover von der Küste. Die Landschaft ist weit, die Felder viel größer als in Belgien und es gibt zunächst kaum Bäume, zumindest kein Wäldchen, geschweige denn ein Wald.
Doch dann plötzlich wird es schlagartig hügeliger und kurviger und schattiger, weil die Hügel teilweise bewaldet sind. Später lese ich in der Karte, es ist der Parc Naturel Régional des Caps et Marais d’Opale, ein Naturschutzgebiet.
Ich schaue auf die Uhr und ich stelle fest, ich habe wohl etwas getrödelt. 15.00 Uhr – Zeit eine Unterkunft zu suchen. Ich halte an – wollte sowieso gerade eine Pause machen – und suche etwas in der Nähe des Steilküsten-Städtchens Etretat. In Fecamp, etwa 15 km davor werde ich fündig. Ich schlafe heute Nacht bei Valerie und ihrem Mann, wieder mitten im Ort.
Gerade will ich wieder los, sehe ich wie ein großer Tankwagen vorbei fährt und die Straße flutet, wahrscheinlich um Agrarverschmutzung wegzuschwemmen. Sehr ärgerlich, denn ich muß da durch. Und jeder Biker weiß, nasse Straßen verdrecken das Moped.
Bei Abbeville zeigt mein Navi, das ca. 50 Meter rechts von mir das Meer sein müsste. Aber da erstreckt sich nur eine riesige, flache und grüne Fläche, auf der eine große Schafherde weidet. Auch hierzu mache ich mich nachträglich schlau: da hat man dem Meer ein Stück von einem seiner Busen geklaut. Und das weiß das Navi noch nicht.
Bis zu meiner Unterkunft ist es noch ein Stück und ich muss mich eigentlich beeilen, um nicht erst am späten Abend anzukommen. Aber zwei Abstecher muss ich noch machen:


Beides sind malerische Küstenstädtchen mit schönen alten Häusern, sehenswerten Bootshäfen und einladenden Promenaden. Und in Dieppe kann man schon die Steilküste sehen.
Auf dem letzen Stück, das ca 100 m über Meeresniveau ziemlich geradeaus verläuft, erscheinen am Horizont 6 große Windräder, die genau mit der Straße fluchten und sich gegenseitig verdecken. Da sie nicht ganz synchron laufen, sehen sie aus, wie diese indische Figur mit den vielen Armen, mit denen sie wild um sich wedelt.
Um 19.15 Uhr komme ich schließlich, wie angekündigt an und werde schon am Fenster erwartet. Beide Gastgeber sind sehr freundlich. Sie verstehen sogar ein wenig deutsch, da sie vor einigen Jahren eine Zeit lang in Deutschland gelebt hatten. Der Rest geht mit (gebrochenem) Englisch. Das Haus ist einfach, aber liebevoll und schön eingerichtet. Es gibt natürlich wifi und ich darf sogar mein Motorrad in die Garage stellen. Schließlich geben sie mir noch ein paar Tipps für mein Abendessen und ich beginne mit dem Sightseeing:



Ein gutes Abendessen und ein Eis zum Nachtisch runden den Abend ab.
Gesamtzeit: 10:36:51
