Dieser Morgen macht Freunde! Laut Regen- und Wolken-Vorschau habe ich den ganzen Tag Sonne. Das wäre der erste Tag in Norwegen ganz ohne Regen. Und richtig, ein kleines Stück weiße Mauer gegenüber dem Fenster reflektiert grelles Sonnenlicht in mein dunkles Kellerverlies.

Die Sachen sind schnell zusammengepackt und auf dem Moped. Ein Blick in den blauen Himmel bestätigt die Vorhersage. Auch heute wird es ausschliesslich auf der E6 weiter gehen. Hoffentlich setzt sich das mit den Baustellen nicht wie gestern fort. Mo I Rana ist ja eher eine industriell geprägte Stadt. Aber schon wenige Kilometer hinter der Stadtgrenze beginnt Natur pur. Selbst die E6 passt sich der Natur an. Sie wird streckenweise schmäler und manchmal hat sie noch nicht einmal mehr eine Mittelmarkierung. Sie führt durch enge Täler, dunkle Wälder, weite Wiesen und natürlich immer wieder entlang von Gewässern, zunächst Fjorde, später Seen und Flüsse. Da wo die Täler so eng sind, dass die steigende Sonne den Schatten der Berge von den Feldern nimmt, steigt der Tau als dünnes Nebelgespinst auf. Fast alle fünf Minuten möchte man anhalten und fotografieren.


Ich fahre noch nicht einmal Speetlimit und genieße die Sonne und die Straße, die mich in weiten Bögen und sanften Wellen nach Süden bringt. Dann sehe ich einen bekannten Bergzug.

Das Stück der E6 von hier bis zum Abzweig der 76 bin ich am sechsten Tag schon mal nordwärts gefahren.
Rechts neben der Straße kommt mir der Fluss Vefsna entgegen und ich sehe durch die Büsche weiße Gischt. Kurz darauf kommt ein Hinweis-Schild “Laksfossen“. Und hier hat sich das Abbiegen wirklich gelohnt. Vom Parkplatz aus ist das schon spektakulär.

Aber dann entdecke ich noch einen Trampelpfad nach unten. Dort stehe ich dann auf riesigen Felsplatten und bin überwältigt.
Wieder ober angekommen gebe ich einem Biker aus Altenkirchen und einem Harley-Pärchen aus der Schweiz auch den Tip mit dem Weg nach unten.
Dann geht es weiter entlang kleinerer und größerer Seen, einer schöner wie der andere. Oft spiegeln sich in dem glatten Wasser die Mischwälder, die zwar hauptsächlich aus dunkelgrünem Nadelgehölz bestehen, aber durch einige Laubbäume eine helle Melierung bekommen.
Nun ein Fluss links des Weges, der Namsen, der mich ein Stück bergab begleitet. Wieder ein Schild! “Laksakvarium Namsen“ steht darauf, und ich finde wieder einen tollen Wasserfall, den Fiskumfossen, ein Lachs-Museum und ein Lachs-Restaurant. Der Namsen ist übrigens der ertragreichste Lachs-Fluss Norwegens.


Mittlerweile hat sich die Temperatur auf unglaubliche 21 °C gesteigert. Kurz vor Steinkjer kann ich wieder nicht widerstehen und muss anhalten und das fotografieren. Dabei nutze ich die Gelegenheit und ziehe mir meine Sportbrille auf. Dadurch sind meine Augen vor Fahrtwind geschützt und ich kann eine Weile mit offenem Visser fahren.


Dann sind es noch ca. 60 km bis Trondheim. Die Straße wird breiter, gerader und stärker befahren. Je nach Verkehr kann man die Wohnmobile und Camping-Gespanne überholen, muss aber höllisch auf die Blitzer aufpassen. Allerdings werden die in Norwegen netterweise fast immer durch Schilder rechtzeitig angekündigt.
Die Adresse der Unterkunft hatte ich direkt nach dem Buchen ins Navi eingegeben und so führt es mich durch das mir unbekannten Straßengewirr auf einen Hügel östlich des Stadtzentrums. Es ist 15.00 und ich bin schon da.

Tone, eine nette, aber etwas zurückhaltende Frau (spätes Mittelalter) zeigt mir ein einfaches, sauberes Zimmer: breites Queensize-Bett, Tisch, Stuhl, Schrank, Nachttisch und Internet – alles, was ich brauche.
Anderthalb Stunden später bin ich mit allem Nötigen fertig und begebe mich zu Fuß auf den Weg ins Zentrum, den man in 20-25 Minuten schaffen kann, wie Tone sagt. Das stimmt auch, aber von da aus ist es noch einmal eine Viertelstunde bis zum Nidarosdom der berühmten Kathedrale von Trondheim.

Ich sehe auf dem Turm Leute, und da ich eine Schwäche für Türme habe, hoffe ich, von da oben eine gute Aussicht auf die Stadt zu haben. Vor dem Dom sind zwei Busladungen von Leuten. Am Ticketschalter sagt man mir, dass es erstens Eintritt kostet und zweitens die letzte Führung auf den Turm schon durch ist. Eintritt mit Turm hätte ich noch eingesehen. Aber, wie bekannt, Eintritt für nur rein – nicht mit mir. Dann reicht mir eben die aufwendige Außenfassade.
Wenige hundert Meter weiter ist die katholische Domkirche St. Olav.

Da geh ich rein, da ist das Beten kostenlos. Und das sogar mit Musik. Denn gleich fängt der Abend-Gottesdienst an.

Das kommt mir jetzt gerade zupass. Etwas Ruhe und Zeit für Dankbarkeit für Schutz und Freude am Erlebten. Und alles ist vertraut, die Gemeinschaft, die Gebete, die Lieder und Melodien, die Reihenfolge der Liturgie – wie überall auf der Welt. Nur die Sprache ist fremd. Und doch erkenne ich das Matthäus-Evangelium von der Einsetzung von Petrus als ersten Stellvertreter Gottes. Ja richtig, heute ist ja der 29.06., das Fest Peter und Paul. Während der Predigt, die ich natürlich nicht verstehe, betrachte ich das Innere der Kirche und denke an den schönen Tag. Die Sonne projeziert die einfachen Rechtecke der Fenster auf die gegenüber liegende Wand und der aufgestiegene Weihrauch macht die Sonnenstrahlen dazwischen sichtbar. Das Leben ist schön.
Nach der Seele kommt der Leib. Auf dem Hinweg hatte ich schon einige Restaurants am Kanal entdeckt; dahin will ich jetzt zurück. Auf dem Weg schreien einige Sehenswürdigkeiten nach Dokumentation.



In dieser Gegend geht um diese Uhrzeit so richtig die Post ab. In den umliegenden Lokalen ist kaum ein Tisch zu kriegen. Bei Olaf’s (hinter dem Kran) gelingt es mir schließlich doch. Nach dem Namsen heute soll es nochmal Lachs sein, mit sautiertem frischen Gemüse und Minikartoffeln. Die sind so groß, wie Wachteleier und schmecken sehr gut.
Wieder in der Unterkunft, buche ich für morgen Abend bei Anne Helene in Lillehammer.
Ach ja, auf halber Strecke heute gab es einen Ferienpark mit Zoo. Die haben auch Elche. Aber ich suche nur die in freier Natur.
Gesamtzeit: 07:43:42
