Mein allmorgendlicher Blick aus dem Fenster zeigt, dass das Wetter weiterhin Potential zur Verbesserung hat. Es regnet zwar momentan nicht, aber der Himmel ist wolkenverhangen und die Konturen des Horizontes bleiben unscharf. Ein Blick auf das Wetterradar lässt mich aber hoffen, denn in meiner Region soll es bis zum frühen Nachmittag trocken bleiben; wir werden sehen.
Als ich gerade das Moped aus der Garage hole, bricht Per gerade zur Arbeit auf. Wir unterhalten uns noch ein paar Minuten, ich bedanke mich für die angenehme Übernachtung und er wünscht mir eine gute Weiterfahrt.
Gleich als nächstes kommt einer der Streckenabschnitte, auf die ich mich ganz besonders gefreut habe: die Atlantik-Straße.

Gar nicht mal so lang, bietet sie dem erlebnisfreudigen Biker viel schöne Landschaft, sanfte Kurven und interessante Verkehrs-Architektur. Sobald ich in Küstennähe komme, reißt der Himmel auf und die Sonne kommt raus – genau im richtigen Moment. Die Atlantik-Straße führt über die vorgelagerten Inseln, die mit sieben Brücken verbunden sind.

Dann geht es weiter nach Kristiansund. Da will ich mal nach einem Bikershop fragen. Ich brauche entweder wasserdichte Überhandschuhe oder dünne Sommer-Handschuhe, die unter die Gummihandschuhe passen. Beim vorgestrigen Versuch sie zu trocknen sind die alten zu heiß geworden und haben das Zeitliche gesegnet.
Doch vorher treffe ich noch auf etwas besonderes: eine Mautstelle, an der auch Motorräder bezahlen müssen. Das ist ungewöhnlich, da in Norwegen Mopeds eigentlich mautfrei sind. Also zahle ich; vielleicht ist die Strecke ja schön. Aber kurz dahinter kommt leider schon wieder nur ein Loch in der Erde, 5,7 km lang. Und bald weiß ich auch warum: war mal wieder ein Stück Meer im Weg. Steil geht es im Tunnel 2,5 km lang hinab, dann kurz eben und dann wieder hoch. Schön ist, dass ich auf der anderen Seite von der Sonne geblendet werde. Gleich rechts entdecke ich eine Tankstelle, erfahrungsgemäß ein guter Ort um nach so einem Laden zu fragen. Also rechts rein und als ich gerade absteige, hält neben mir ein Honda mit einem Platten rechts vorn. Ich denke sofort: hoffentlich passiert mir das nicht auf dieser Reise. Vorne rechts ist bei mir nämlich auch vorne links. Ich lasse den Mann beim Tankwart vor; der hat größere Sorgen als ich. Als ich dann dran bin, bemerkt mein Gegenüber sofort, dass ich aus Deutschland bin und sagt mit ostdeutschen Akzent, dass wir auch deutsch sprechen können. Darauf hin frage ich: Aus Thüringen oder Sachsen? Da lacht er und meint, ich sei bestimmt auch aus Ostdeutschland, weil ich das erkannt hätte. Er ist aus Weimar in Thüringen und vor Jahren ausgewandert. Nachdem ich richtig gestellt habe, dass ich fast ein Frankfurter bin, und zwar einer vom Main, bestelle ich bei ihm eine Wurst (ja, das müssen Tankwarte hierzulande auch können). Während er sie zubereitet, nennt er mir sofort einen Laden, in dem ich später auch fündig geworden bin. Wir genießen es beide, einmal wieder ein längeres Gespräch auf deutsch führen zu können. So kam es, dass ich die Tankstelle erst nach einer guten halben Stunde wieder verlasse.
Das mit den Handschuhen ist schnell erledigt und ich machte mich auf in Richtung Namsos. Zunächst zurück auf die E39, eine der wichtigen Nord-Süd-Verbindungen, die ich sonst versuche zu vermeiden. Das hat zwei Gründe: erstens sind die großen Straßen meist sehr geradlinig gebaut, also für mich als Biker uninteressant, und zweitens sind dort die Geschwindigkeits-Beschränkungen (60 oder 70 km/h) viel häufiger, als auf den Nebenstrecken, wo man fast immer die in Norwegen allgemein gültige Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h fahren darf. Ausnahmen sind die Tunnelen (sorry, aber mir gefällt das Wort), da darf man fast immer 80 km/h fahren. Mir erschließen sich diese Regeln zwar nicht, aber das ist ja auch nicht nötig.
Auf der Fähre über den Halsafjorden stehe ich mit meinem Motorrad ganz vorne und schreibe ein bisschen Blog. Da spricht mich ein, in schwarzes Gummi gekleideter Mann an, er hätte das gleiche Moped wie ich, er stehe nur ganz hinten. So kommen wir in’s Gespräch und ich lerne Enrique aus New York kennen. Ursprünglich ist er aus Santiago de Compostela und mit seiner 2007er GS (meine ist 3 Jahre älter) auf Weltreise. Er hat alle kontinentalen Staaten der USA, alle Provinzen in Kanada und, wenn ich das richtig verstanden habe, alle Staaten Süd- und Mittelamerikas bereist. Und nun ist Europa dran. Die Fähre legt an und wir verabreden uns noch bis zur nächsten Tankstelle gemeinsam zu fahren. Ich lasse ihn überholen und dann sehe ich sein Motorrad – der Mann hat alles dabei.

Wir reden noch eine viertel Stunde, fotografieren uns gegenseitig, tauschen Adressen aus, umarmen uns und dann gehen unsere Weg wieder auseinander – ein wirklich netter Kerl.
Es fängt pünktlich, wie vorhergesagt, wieder an zu regnen und ich kann gleich meine neue Handschuh-Kombination ausprobieren – viel besser, als die alten. Bei Orkdal verlasse ich die E39 wieder und mache einen Schlenker zurück zur Nordmeerküste. Dazu muss ich die Fähre Valset – Brekstat benutzen.

Hier ist auch das Wetter wieder trocken und ich kann viel mehr Landschaft bewundern, als ich fotografieren kann.

In diesem Fluß stehen mehrere Männer knie- bis hüfttief im Wasser und angeln.


Auf der letzten Fähre hatte ich nach einer Übernachtungsmögichkeit in Namsos gesucht. Es gab nur zwei Angebote und die gefielen mir nicht so. Also habe ich es in Steinkjer versucht und auch was gefunden. Jetzt erhalte ich eine Absage und eine zweite Anfrage bleibt ohne Antwort. Was also tun? Muss ich diese Nacht ins Hotel? Nee, dann lieber doch eine von den beiden bei Namsos. Bei genauerem Hinschauen bedeutet „bei“ in diesem Fall „80 km nördlich von“, das sind anderthalb Stunden mehr (ohne Fähre gerechnet) und es ist schon 18.30. Aber egal, es hat ja auch den Vorteil, dass ich weitere 80 km näher zum Nodkapp komme. Kaum habe ich die Adresse ins Navi eingegeben, beginnt wieder ein Starkregen. Der hält an bis zur Ankunft am Anleger der Fähre Lund – Hofles, ca. 30 km vor meinem Bett. Es ist 19.40 Uhr und die Fähre geht erst 20.30 Uhr. Also, Zeit fürs Abendessen: einen großen Burger mit Speck, Käse, Salat, Tomaten, Gurken, Zwiebel und allem, was sonst noch gesund oder ungesund ist und Kraft gibt. Die Überfahrt dauert auch eine halbe Stunde. Zu guterletzt habe ich mich dann auch noch verfranst.

Aber diesmal war ich nicht Schuld. Es gibt auf der Insel einfach eine Adress-Dopplung. Jedenfalls zeigt mein Navi an: Ziel erreicht, aber kein Haus in der Nähe. Was tun? Und jetzt zeigt sich mal wieder, wie gut Airbnb ist. Ich nehme mein Smartphone, rufe die App auf und nehme das Angebot einer Wegbeschreibung auf Google-Maps an. Den angezeigten Punkt programmiere ich einfach wieder ins Navi und nach weiteren 6 km komme ich bei Jens Kristian an. Wie angekündigt begrüßt mich sein Vater. Dieser interessiert sich sehr für mein Motorrad und meine Tour und zeigt mir dann das Apartment.


Die Umgebung ist malerisch schön und ich hab alles, was ich brauche. Vor der Tür quakt ein Frosch und jetzt heißt’s ausruhen.
Heute habe ich Elche gesehen – aber wieder nur auf Schildern. Dafür aber Kühe und Schafe, die mir seelenruhig die Straße streitig gemacht haben.
Gesamtzeit: 13:27:23

Tolle Bilder.
Was hast Du mit der Adresse vom Enrique vor? Du wirst doch nicht im Anschluss an die Norwegentour einen kleinen Abstecher nach Südamerika machen.
Viel Spaß weiterhin und eine trockene Weiterfahrt.
Na du Abenteurer, das klingt ja alles toll. Man kann richtig neidisch werden. Weiterhin buen cammino