Das Zimmer ist auch über die Nacht zu kalt geblieben, aber bis zur Nase unter der Decke hab ich im Parterre des Stockbetts sogar einigermaßen geschlafen. Ein Blick nach dem Aufwachen aus dem Fenster und ein zweiter auf die Wettervorhersage lösen zweigeteilte Gefühle aus:
zum einen: Mein Gott, 2 °, das ist ganz schön wenig für einen Start in den Tag!
zum anderen: Geographisch wird es gerade heute morgen weitgehend bergab gehen und unser Ziel liegt am Meer. Es wird also tendenziell wärmer.
Die Sachen sind schnell gepackt und zum Verladen bereit gestellt. Motorräder holen (die Feuchtigkeit auf der Abdeckplane ist gefroren), und noch vor 8 Uhr rollen wir hinunter ins Ort und gleich danach verlassen wir unser 6. Land auf der Reise; wir sind erneut in Frankreich.

Schnell sind wir wieder knapp unter 1800 m und die Temperatur steigt auf mollige 4 ° an. Bei einem erneuten Anstieg zeigt das Navi, dass wir eine Straße überqueren, aber ich sehe keine. Also muss die N2 wohl unter uns in einem Tunnel verlaufen.
Die Straße verläuft dann erstmal geradeaus, was nicht heißt, dass die Pyrenäen nicht ab und zu die eine oder andere Schikane bereit hält. Neben der Straße, 30m unter uns, rauscht ein Wildbach fast klammartig zu Tal.
Um 8 30 sind wir auf 1200 m und haben schon wieder 10 °. In Latour-de-Carol, einem winzigen Nest, gibt es Frühstück. Es fällt auf, daß Beschriftungen häufig auch in katalanisch zu finden sind. Kurz danach passieren wir Llivia, eine spanische Exklave, umgeben von französischem Staatsgebiet.
Plötzlich glitzert da etwas vor uns in der Morgensonne. Dann ist ein hohes Gebäude zu erkennen, das wie ein riesiger Hohlspiegel geformt ist. Der „Grand Four Solair d’Odeillo“ ist einer der zwei größten Solaröfen der Welt. Er kann Temperaturen von 3300 ° erzeugen und leistet 1 Megawatt.

Ständig wechseln die Ausblicke und über den wilden Serpentinen ist am Horizont schon mehr Sonne in Sicht.

Ein paar Kilometer weiter stehen ein paar Polizisten am Straßenrand und halten uns an. Da ich vorne fahre, spricht die Beamtin mich auf französisch an. Von meiner Frankreichreise weiß ich noch, wie man sagt, dass man kein Französisch spricht (aber ich weiß nicht mehr, wie man es schreibt). Die Frau wechselt sofort ins Englische. Sie fragt, woher wir kommen und wohin es gehen soll und ich antworte wahrheitsgemäß. Nachdem wir die Frage nach Zollgut ebenso ehrlich beantwortet haben, dürfen wir weiterfahren. Mich wundert schon, dass wir 2 Stunden nach Verlassen von Andorra noch zollmäßig kontrolliert werden.
Die Fahrt geht weiter nach Nordosten bis Marquixanes. Hier biegen wir ab nach Süden auf die D55 und wenig später auf die D13. Von hier aus sind wir über 2 Stunden auf Nebenstraßen unterwegs nach Lamanére.
Die Landschaft ist einsam, es begegnen uns in dieser Zeit 4 Autos.

Entlang der Straße verläuft ein Wasserkanal, wie ich es von den Walen in Südtirol kenne. An ein Hochschalten in den 4. Gang ist meist nicht zu denken. Die ganze Zeit geht es hin und her und zwischen 500 und 800 m hoch und runter. Die Fahrt ist zwar anstrengend, macht aber doch viel Spaß. Der wird allerdings etwas getrübt durch eine längere Wegstrecke, die kürzlich neu geteert und mit Split bestreut wurde. Besonders beim Bergabfahren ist besondere Vorsicht geboten, damit beim Bremsen das Moped nicht wegrutscht. Mehr wie 25 km/h sind da oft nicht drin.
Dann erreichen wir ihn endlich: den südlichsten Punkt in Frankreich, Lamanére.

Damit habe ich sie voll, die vier Ecken Frankreichs.
Von hier aus überqueren wir wieder die Grenze zu Spanien und fahren wir noch ungefähr 1 Stunde auf ähnlichen Straßen Richtung Osten. Dann werden die Straßen breiter, die Kurven weniger und die Temperaturen höher.
Eine dreiviertel Stunde später kommen wir in den Parc Natural Del Cap de Creus, der auf einer Halbinsel liegt, die ins Mittelmeer ragt. Die Landschaft ist felsig und rau. Nur dünne Schleierwolken sind am Himmel und wir haben 28 °. Mit dem östlichsten Punkt ist Spanien das dritte Land nach Deutschland und, wie eben schon gesagt, Frankreich, wo ich alle vier Ecken der Windrose besucht habe.

Im nahegelegenen Café …

… gönnen wir uns eine spanische Spezialität: Churros mit Schokolade.

Das frittierte Gebäck aus Brantteig wird in heiße, mit wenig Mehl etwas angedickte Trinkschokolade gerunkt und genossen – sehr lecker!
Um 16 Uhr beginnt unsere letzte Etappe heute nach Perpignan. Die erste Hälfte fahren wir auf der Küstenstraße, die meist so verläuft, wie ich mir eine Küstenstraße idealerweise vorstelle: breit, kurvig, ca. 500 m vom Stand entfernt und 30 bis 50 m über dem Meer. Dann hat man ständig Meerblick und stört die Anwohner nicht. Nach einer Stunde verlassen wir Spanien endgültig. In Banyuls-Sur-Mer entdecke ich einen großen Eisladen. Den können wir natürlich nicht auslassen.
Danach haben wir es eilig, denn wir sind für den Abend mit den Schwiegereltern von Stefan’s Tochter verabredet.

Mit leichter Verspätung treffen wir die beiden, nachdem wir uns in der Unterkunft etwas restauriert haben.

Moira und Claude sind genauso liebenswert wie ihr Sohn Craig, den ich ja neulich in Portugal kennengelernt hatte. Der Abend war wunderbar, aber ich hatte mal wieder etwas Wein, und dann wird der Blog-Beitrag erst morgens fertig.
Gesamtzeit: 10:46:50
