Irgendwie dauert heute morgen alles etwas länger, aber auf diese Weise können wir uns von unserer netten Host verabschieden, die gerade mit ihrem Baby auf dem Rücken ihre Älteste in die Schule bringen will. Das ist nicht immer so; oft geschieht das Auschecken ganz alleine: man wirft einfach den Schlüssel in den Briefkasten.
Um 8.30 Uhr fahren wir runter in die Stadt um zu tanken und Stefan braucht vom CoOp gegenüber noch etwas zu trinken. Als er wieder raus kommt, strahlt er und sagt, er habe uns Frühstück mitgebracht. Aber nicht hier – wir halten irgendwo, wo’s schön ist. Die Fahrt beginnt schon in der Stadt auf einer STR. Sie führt uns nach Osten und etwa 10 km außerhalb von Oban finden wir ein ruhiges Plätzchen am River Nell.

In der halben Stunde, die wir da verweilen, kommen maximal fünf Autos vorbei. Es scheint, ein schöner Tag zu werden. Die Straße ist in keinem besonders guten Zustand und so kommen wir nur langsam voran. Und das ist auch gut so, denn plötzlich hinter einer Kuppe steht eine Herde Hochlandrinder vor uns.

Einige grasen links und rechts von der Straße, andere stehen bewegungslos mitten auf ihr, als warten sie darauf, was passiert. Diese hier ist eine Kuh; das erkennt man an den weit ausladenden Hörnern. Hier ist Vorsicht geboten, den auch die Kühe können bis zu 450 kg auf die Waage bringen. Als ich mich mit dem Motorrad annähere, passiert gar nichts. Ich mache den Motor aus und fotografiere aus ca. 1 m Entfernung. Die Kuh hält still und beobachtet mich. Auch beim Anlassen des Motorrades rührt sie sich nicht. Ganz vorsichtig und langsam nähere ich mich weiter und erst als ich auf 30 cm heran bin, geht sie ganz langsam zur Seite. Und die anderen Kühe haben es auch nicht eiliger. Nur ein ganz junges Kälbchen galoppiert davon. Über Taynuilt geht’s auf die A85, die als wunderschöne Uferstraße am Nordufer des Loch Awe entlang führt. Dann biegen wir nach Süden ab und stoßen bei Inveraray auf Loch Fyne. Hier ist Inveraray Castle zu besichtigen, wenn man dafür 4 £ Parkgebühr und 15 £ Eintritt bezahlen will. Da wir vom Parkplatz aus nichts vielversprechendes entdecken können, entscheiden wir uns für die Weiterfahrt. Um Loch Fyne herum und am Loch Eck entlang erreichen wir kurz vorm Holy Loch (die heißen wirklich so) Puck’s Glen. Das ist ein bekanntes Wandergebiet mit verschieden langen Wegen, die über 126 Höhenmeter, teilweise entlang eines Wildbachs verlaufen. Wir entscheiden uns für die kürzeste Variante von 1,5 km und schätzungsweise 100 Höhenmetern. Mehr wäre mit Motorrad-Kleidung nicht angemessen. Die Wanderung führt über einen Weg durch einen teilweise naturbelassenen Wald steil bergauf.

Dann erreicht man den Wildbach. Hätte er etwas mehr Wasser und Gischt, könnte man ihn auch als Klamm bezeichnen.

Er fließt über viele Kaskaden zwischen Felsbrocken und Steinspalten bergab, daneben der enge Pfad, der über steile Treppen und einige Brücken führt.
Inzwischen ist das Wetter immer besser geworden. Der Himmel ist nur von wenigen Wolken bedeckt zwischen denen die Sonne großflächig bei 16 – 19 °C scheinen kann. Ideales Motorrad-Wetter. Die Natur ist wunderschön, wenn auch vielleicht nicht mehr so spektakulär wie weiter im Norden. Die Vegetation auf Bergen und in den Tälern ist vielfältiger und oft sichtraubender. Es gibt immer wieder kleinere und größere Wälder, oft Nadel- oder Mischwälder, aber auch Birkenwälder. Sie sehen weitgehend gesund aus, aber auch hierzulande gibt es in den Nadelwäldern braune Flecken zwischen dem dunkelgrün, wo etliche Bäume abgestorben sind. Die Straßen sind besser ausgebaut, was nicht heißt, daß es keine STR gibt, sie sind nur meist besser in Schuss. Manche STR haben lange zweispurige Stücke und manche breite Straße wird für ein kurzes Stück zur STR. Was am meisten auffällt ist der Verkehr. Während man im Norden nicht selten pro Stunde nur 5 oder 6 Autos begegnet, bilden sich hier nicht selten Kollonnen. Und die Menschen gehen anders damit um. Im Norden ist jeder bereit an Engstellen auf einander Rücksicht zu nehmen, auf den eigenen Vorteil zu verzichten und Vorfahrt zu gewähren. Hier konnten wir heute beobachten, wie zwei Autofahrer, die sich mit ihren Fahrzeugen auf einer einspurigen Brücke traffen, bestimmt 5 Minuten lang Streit darüber führten, wer denn nun den Rückwärtsgang einlegen müsste. Keine Frage, hier im Süden der Highlands ist es auch schön, aber der Norden hat besonders für Motorradfahrer einen besonderen Charme.
Um 14.30 Uhr haben wir unser Tagesziel erreicht außer zum angeblich einsamsten Bahnhof Schottlands in einem großen Moor zu kommen. Man müsse, heißt es, dazu über 30 Meilen in eine Sackgasse fahren und natürlich hinterher wieder heraus. Das schaffen wir heute nicht mehr. Also fahren wir zu einem nahegelegenen Café.

Es ist das Artisan Café & Deli, das in einer profanierten Kirche eingerichtet wurde. Bei einem leckeren Stück Kuchen und Kaffee erledigen wir noch eine wichtige Sache: wir besorgen uns eine Unterkunft für die Nacht in Strathyre im Loch Lomond & Trossachs Nat. Park.
Bis dahin wollen wir noch zum Blair Castle in Blair Atholl, da ist aber ab 17.00 Uhr zu. Und dann noch zum Queen’s View Loch Tummel, ein Ort der Queen Victoria gewidmet ist.

Nach weiteren 47 wunderschönen Meilen während der Tag sich neigt, erreichen wir um 19.30 Strathyre und insgesamt 417 km waren ein richtig guter Motorrad-Tag.
Gesamtzeit: 11:01:33
