Tag 9 – von Andenes nach Alta

Nach 9 Stunden Schlaf am Stück fühle ich mich richtig ausgeruht. Der unvermeidliche Blick in die Wettervorhersage orakelt mir zwar Regen für den ganzen Tag voraus, deutet aber an, dass dann eine “Schönwetter-Periode“ folgen könnte. Um sieben gibt’s Frühstück, eine Mahlzeit, die ich bisher immer ausgelassen habe. Brötchen gibt’s leider nicht. Deshalb greife ich mal wieder nach langen Jahren auf das Frühstück meiner Kindheit zurück: Haferflocken mit Milch Zucker und Rosinen. Anschließend gibt’s ein weich gekochtes Ei mit kleinen Krabben und ein Knäckebrot mit Käse und Lachs. Ein paar Gläschen O-Saft runden das ganze ab. “Frühstücke wie ein König!“

Dann wird gepackt und ab zur Fähre. Schön war’s auf den Inseln – auch ohne Wale!

Blick zurück auf Andenes

Eine halbe Stunde vor der Abfahrt werde ich aus der Warteschlange wieder nach vorne gewunken und als erster auf’s Schiff geschickt. Zwei Leute aus der Crew verzurren mein Motorrad – das hatte ich noch nie!

Auf diese Weise bin ich auch als erster im Salon und setze mich ganz vorne an ein Fenster mit Blick über den Bug. Jetzt muss ich wieder einiges ausziehen, denn wie überall in Norwegen, wird auch hier kräftig geheizt. Kaum eine viertel Stunde aus dem Hafen, beginnt das Schiff kräftig zu schaukeln, und ich weiß, warum die Crew mir mit dem Motorrad geholfen hat. Regelmäßig prasselt ein Schwall Buggischt gegen das Fenster.

schaukelt ganz schön

Beim Gang zur Kasse ist es schon nötig, sich etwas breitbeiniger zu bewegen, wenn man nicht hinfallen will.

Auf der Überfahrt ist mächtig was los. Erst ist ein Baby laut und herzzerreißend am schreien und ist nicht zu beruhigen. Dann verträgt offensichtlich ein Reisender den Seegang nicht und opfert Neptun reichlich. Und am anderen Ende des Salons sitzt eine junge Frau, die ihr Gegenüber in einem fort auf deutsch vollquasselt. Der arme erträgt das mit stoischer Ruhe und aufgestütztem Kopf. Denen gegenüber werde ich mich nicht als Deutscher zu erkennen geben. Nach einer Stunde kommt Senja in Sicht und die Krankheit greift um sich. Mir geht’s allerdings prima und das Baby hat sich auch beruhigt.

Auf Senja regnet es erwartungsgemäß. Deshalb hatte ich mich vorsorglich wieder als gelben Bengel verkleidet.

gerade runter vom Schiff

Nun liegen ca. 200 km zwischen mir und Tromso. Ich fahre wieder weitgehend auf Nebenstraßen durch viele Wälder und an vielen Fjorden entlang.

auf der 86 bei Hamn

Kurz vor Tromso sehe ich ein Schiff der Hurtigruten auf dem Fjord – wie ich – auf dem Weg in diese Stadt. Ich erreiche Tromso von Westen über die 862.

Brücke nach Tromso über den Grotsund

Dann geht’s am Flughafen vorbei und, wen wunderts, in einem Tunnel, der angeblich ins Zentrum führt. Doch plötzlich ein Hinweis auf einen Kreisel. Das kann doch nicht sein, hier unter der Erde!?! Und doch ist es so: ein Kreisel, mindestens 40 Meter im Durchmesser, mit vier Ausfahrten und allem drum und dran. Ich fahre erstmal mitten rein in die Stadt und komme irgendwie zum Hafen.

Hafen von Tromso

Im Hintergrund sehe ich die berühmte Eismeerkathedrale. Der Weg dahin ist schnell gefunden, denn wegen der bin ich hauptsächlich nach Tromso gefahren.

Eismeerkathedrale

Leider wollen die 50 Kronen Eintritt haben für etwas, das ich mit einem Blick durch eines der vielen Fenster dann auch kostenlos fast genauso gut bekomme. Ich hasse es, wenn Kirchen Eintritt verlangen. Da braucht man sich nicht zu wundern …

Dann geht’s schon wieder weiter. Nächstes Zwischenziel ist Nordstraumen, ein Punkt den ich beim Planen gewählt hatte, weil er so schön zwischen Tromso und Hammerfest liegt. Als ich mich bei einem Tankstopp um 16.30 Uhr um eine Unterkunft kümmere, stelle ich fest, dass ich es heute noch bis Alta schaffen kann. Das würde mir viel mehr Möglichkeiten für die Zeit am Nordkapp eröffnen. Und, ich habe Glück, es gibt noch was günstiges in Alta bei Laila.

Die Fahrt führt jetzt eigentlich nur noch an Fjorden entlang. Erst über die E8 am Balsfjorden, dann auf der E6 entlang des Storfjorden, des Lyngen, des Reisafjorden, über den Sorstraumen, entlang des Langfjorden und schließlich des Altafjorden.

Unterbrochen wird die Fjordfahrt nur durch drei Pässe. Der höchste liegt 401 Meter über NN!

Kvaenangsfjellet

Hier gibt es auf dieser Höhe keine Bäume mehr, und die, die 50 Meter tiefer stehen sind selten höher als 3 Meter und zeigen gerade erst ihr erstes Grün. Schaut man nach unten, sieht man den Kvaenangen, eine Art Meeresarm, von dem aus es in mehrere Fjorde geht.

Blick vom Pass

Wie das wohl bei besserem Wetter aussieht?

75 Kilometer vor Alta passiere ich die Grenze zur Finnmark, wo fast die Hälfte aller norwegischen Samen lebt. Die Schilder, die vor Elchen und Rentieren warnen, häufen sich jetzt.

Unterkunft in Alta

Um 20.30 Uhr komme ich bei der Unterkunft an und finde ein schönes Zimmer und einen Trockenraum für meine äußeren Sachen; was ich drunter trage ist alles noch trocken, obwohl es seit Senja nie wirklich zu regnen aufgehört hat. Laila ist nicht da, wir klären alles telefonisch und die Haustür hat ein Codeschloß.

Ach ja, heute war es soweit: um 11.25 Uhr und 160 km vor Tromso habe ich einen echten Elch gesehen. Die Elchkuh stand ca. 150 Meter vor mir am Straßenrand als ich zum Stehen kam. Leider kam von der Gegenseite ein Auto angebraust, und die Elchdame verließ, mit den Elchen so typischen wiegenden Schritten, die Straße nach rechts ins Gehölz. Beim langsamen Verbeifahren konnte ich sie etwa 50 Meter vom Straßenrand im Gebüsch erkennen. Anhalten und absteigen wollte ich nicht, denn wenn ihr Kalb auch in der Nähe ist, bin ich mit Motorrad schneller als ohne.

Gesamtstrecke: 282.6 km
Gesamtzeit: 12:36:45
Download file: Track_170625.gpx

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