Tag 6 – von Naeroy nach Bjaerangen

Auch heute morgen gilt mein erster Blick dem Wetter und der Vorschau. Es ist immer noch stark bewölkt, aber mittlerweile trocken. Die Wetter-App verspricht unglaubliches: den ganzen Tag kein Regen und gelegentlich sonnig. Die Temperaturen sollen zwar die 15°C kaum erreichen, aber das ist ok. Die Sommerhitze, die Deutschland jetzt hat, muss hier nicht unbedingt sein.

Heute geht’s weiter die Küste hinauf.

Schnell ist alles zusammen gepackt und los geht’s. Die Wolken sind hoch und immer wieder kommt die Sonne durch. Ich fahre die 771 Richtung Norden. Die Straße ist angenehm zu fahren, viele langgezogene Kurven und fast trocken. Die nächste Tankstelle nutze ich, um nach dem Öl zu schauen. Ich fülle etwas nach und alles ist wieder im grünen Bereich. Weiter geht’s zwischen felsigen Bergen, Seen, Wiesen und Fjordarmen nach Vennesund, dem nächsten Fähranleger.

Ja und dann passiert es, das was jeder Biker fürchtet. Nach einer Linkskurve folgt eine Rechtskurve um einen hohen Felsen herum, der sehr nah an die Straße reicht. Ich halte mich in der Mitte der Spur, um nicht in möglichen Gegenverkehr zu kommen. Ich höre noch das Geräusch von mittelgroben Sand unter den Rändern und dann bin ich nur noch Passagier. Das Moped legt sich auf die rechte Seite und schliddert ca. 25 m über die Straße und bleibt in der Mitte liegen. Mist!!! Ich stehe auf und ich weiß in dem Moment, mir ist nichts passiert. Sofort gehe ich zurück um den nachfolgenden Verkehr zu warnen. Für den Gegenverkehr ist das Bike von weitem zu sehen. Erst nach einer halben Minute kommt ein Wagen mit einer Frau am Steuer. Sie fragt, ob’s mir gut geht und kümmert sich um das folgende Auto. Ein Blick auf die  Unfallstelle klärt für mich die Ursache: etwas rechts von der Mitte der Spur liegt ein 5 m langer und 20 cm breiter Streifen grober feuchter Sand, vermutlich von einem kurvenschneidenden LKW dort hin befördert. Der Sand ist von der Straße kaum zu unterscheiden – und das in der Kurve, das ist Pech.

Das Motorrad mit Gepäck aufzuheben ist für mich alleine unmöglich. Also baue ich den linken Koffer und das Topcase ab und nehme die Tasche runter. Beim Ausziehen der Jacke merke ich: die ist jetzt rechts an Schulter und Ellenbogen nicht mehr wasserdicht. Befreit von der Last lässt sich das Moped relativ leicht wieder hochheben, auf den Seitenständer stellen und dann an den Rand schieben. Die Leute aus den mittlerweile drei Autos fragen mich nochmal, ob ich ok bin und setzen dann ihre Fahrt fort. Nun schaue ich mir das Moped genauer an. Eigentlich alles halb so schlimm. Der Koffer und die Zusatz-Fußraste am Sturzbügel haben das meiste abgehalten. Der Ventildeckel ist zwar stark verkratzt, aber er ist nicht durch, also dicht. Bleiben nur noch ein paar Schrammen an der Lenkeraußenseite. Also nichts, das sich nicht mit ein paar Euro richten ließe, und vor allen Dingen nichts, dass mich zum Abbruch der Reise zwingen würde. Noch nicht einmal die Saugnapf-Halterung für die Gopro ist von der rechten Verkleidung abgeflogen. Also alles gut!!! Wirklich, keine Sorge, ich  bin ganz der Alte.

Bei dieser Gelegenheit vielen Dank an alle, die mir so liebe aufmunternde und anteilnehmende Kommentare schreiben. Sie zeigen mir, dass ihr mit mir und dem Blog Spaß habt. Auf diese Weise seid ihr alle ein bisschen bei mir. Auch eure guten Wünsche und Gebete helfen, wie ihr seht.

Ich setze meine Fahrt fort und nach ca. 20 weiteren Kilometer erreiche ich den Anleger nach Vennesund. Die Fähre ist seit 15 Minuten weg und die nächste geht erst in 45 und braucht dann 20 Minuten. Viel Zeit also, nochmal alles nachzuschauen und das Erlebte aufzuschreiben. Beim Runterfahren von der Fähre hat der Adrenalin-Spiegel wieder normales Niveau.

Von nun an geht es durch wechselnde Landschaften und das Wetter wird auch besser.

Weide bei Somna
Küste bei Bronnoysund

auch Küste, ein Stück weiter
am Velfjorden bei Hommelsto

Panorama bei Stokkvagen:

Danach geht’s im Zickzack immer der Küste entlang. Die Fähre über den Ranafjorden nach Nesna erreiche ich noch pünktlich zum Verladen. Aber als ich in Kilboghamn ankomme ist es 16.35 Uhr und die Fähre ist seit 10 Minuten weg. Ich sehe sie noch mitten auf dem Vaerangfjorden. Die nächste geht erst um 18.40 Uhr. Wenigstens ist das Wetter jetzt richtig sonnig. Beim Herumschlendern treffe ich einen netten jungen Holländer mit dem ich übers Motorradfahren, Reisen und vieles andere rede und so vertreiben wir uns die Zeit.

Allerdings mache ich mir langsam Sorgen um meine Unterkunft. Das Internet oder der Server von Airbnb bockt. Ich bekomme keine Buchung hin.

Auf der Fähre nach Jektvik fällt mir plötzlich am Ufer ein Globus auf. Und um mich herum werden die Leute so nervös. Und dann fällt es mir ein. Jetzt, um 19.25 Uhr, habe ich den Polarkreis überquert.

Auf der Fähre nach Jektvik …
überquere ich den Polarkreis.

Von nun an wird die Sonne ein paar Tage für mich nicht mehr untergehen.

Auch bei der nächsten Fähre muss ich wieder 45 Minuten warten.

Warten auf die Fähre nach Foroy.

Als ich schließlich über gesetzt bin, ist es 21.15 Uhr und ich habe immer noch kein Quartier. Also weiter – es wir sich schon was finden. Und richtig: wenige km weiter sehe ich ein handgeschriebenes Schild „Zimmer zu vermieten“. Gefragt, besichtigt genommen und bezahlt – alles paletti.

So sieht heute mein Ausblick aus.

Auf Schildern habe ich heute Elche und Rentiere gesehen. Rentiere habe ich sogar heute zum ersten mal in Natura gesehen – Elche nicht.

Gesamtstrecke: 198.42 km
Gesamtzeit: 13:07:23
Download file: Track_170622.gpx

5 Antworten auf „Tag 6 – von Naeroy nach Bjaerangen“

  1. Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist. Die bilder sind wieder fantastisch und deine Unterkunft sieht auch nett aus.
    Freue mich schon auf den Bericht von morgen.

  2. Schwager musste mir auch alles nachmachen??? Hab meine GS damals mit ducktape erst get und bin dann no h 6000 km heim gefahren. Alles kein Problem solange dem Rider nichts passiert. Gut das es weitergeht und du ok bist. Shit happens

  3. Kopf hoch, kann passieren. Hauptsache Dir geht’s gut und Du kannst weiterfahren.
    Sonst hätte ich auch was vermisst, verfolge jeden Tag Deine Tour und bin in Gedanken auch wieder in Norwegen.
    Besonders, wenn ich das ein oder andere wiedererkenne, dass ich damals von der Perspektive Schiff gesehen hab.
    Gute Fahrt !!!

  4. Hell. Bikers nightmare!
    Zum Glück ist dir nichts passiert und die GS kann auch weiter.

    Weiterhin sichere Fahrt. Und wir freuen uns über deine Berichte.

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